Wo die wilden Sterne wachsen
Ob Doldiger Milchstern, Wald-Gelbstern oder Sumpf-Wasserstern – viele einheimische Pflanzen tragen Sterne im Namen. Meist deshalb, weil sie gezackte Blüten haben. Wo welche floralen Sterne im Alpengebiet vorkommen, das kann erkundet werden – etwa auf einer «Botanik-Exkursion».
Wenn Constanze Conradin das Haus verlässt, hat sie immer eine Lupe dabei. Denn sie weiss ja nie, wem sie unterwegs begegnet oder was sich da gerade durch den Boden schiebt und der Sonne entgegenstreckt. Ein Sternblütiger Steinbrech könnte es sein. Dann geht sie in die Knie, schaut und lächelt. Diese meist nur zehn Zentimeter hohe Blume mag sie fast am liebsten: «Diese schönen gelben Tupfer auf den weissen Blütenblättern, die gefallen mir!»
Constanze Conradin ist im Val Müstair geboren und im Unterengadin aufgewachsen, hat Biologie studiert und sich an der Universität rasch in die Botanik vertieft. Ein Zufall sei das gewesen, der sich als Glücksfall entpuppte: «Schon beim ersten Heimweg nach der Vorlesung habe ich die Pflanzen um mich herum anders betrachtet.» Nach Studium und Assistenzjahren in Zürich zog sie schliesslich zurück ins Engadin und machte sich selbstständig, um hier ihr umfangreiches Wissen anzuwenden und weiterzugeben. Auch über florale Sterne, die logischerweise oft «stella» – auf Romanisch staila – im Namen tragen, wie Stellaria media, die Vogelmiere. Ein Blick ins Bestimmungsbuch zeigt: Die Gattung der Stellaria bringt jeweils gespaltene Blütenblätter hervor, die an Insektenflügel erinnern. In der Landwirtschaft ist dieses Sternchen, die Miere, übrigens eher unbeliebt. Sie gilt als Unkraut.
Sterne in der Botanik gibt es nicht nur bei Blüten und Blättern, sondern auch als Haare. Manche Kreuzblütler tragen Sternhaare. Die zarten Sternhaare wollen aber erst einmal gesehen werden. Sie sind extrem fein und eben oft nur mit Vergrösserung erkennbar. Dann kommt Begeisterung auf: «Das sieht an der Pflanze cool aus! Das ist eine Arabis bellidifolia, eine Zwerg-Gänsekresse. Die wächst auf Kalkböden.»
Constanze Conradin braucht mithin ihre Lupe, wenn sie die alpine Flora kartiert; bei der Bestimmung hilft «Flora Helvetica». Das Standardwerk ist seit 2025 als App verfügbar, was rund zwei Kilo Gewicht im Rucksack erspart. Darüber freut sich nicht nur die Fachfrau; auch Gäste auf ihren «Botanik-Exkursionen» schätzen die stete Verfügbarkeit von Bestimmungswissen. Diese bietet die Biologin mehrmals im Jahr an. Das Unternehmen feierte letzthin seinen zehnten Geburtstag. Begonnen hat es mit zwei Frauen – Constanze Conradin und Studienkollegin Sonja Hassold – unterdessen sind 13 Menschen im Kursprogramm tätig: «Wir haben eigentlich ein Alleinstellungsmerkmal, denn sowohl Fachpersonen wie interessierte Laien gehen mit uns ins Feld. Es ist Grundbildung und Weiterbildung zugleich, was wir machen.»
Nicht alle Sternpflanzen der Alpen sind geschützt. Die wohl bekannteste, das Edelweiss (Leontopodium nivale), schon. Einprägsamer als der lateinische ist der romanische Name: Alvetern. Zwar trägt dieser keinen «Stern» im Namen – und es tönt auch etwas krachig, wenn man den Namen ausspricht. Doch was wären die Alpen ohne Edelweiss?
Schöner tönen da romanische Namen wie Staila gelgua da god – zu Deutsch Wald-Gelbstern. Ihn entdeckte Constanze Conradin im Unterengadin erstmals in diesem Frühling. An der Alpennordseite kann man schon eher einmal über diesen Gelbstern stolpern. Apropos stolpern: Wer dabei war an einer Exkursion, trampelt seltener ungeschickt durch die Flur, erzählt die Botanikerin: «Je mehr man weiss, desto mehr sieht man. Da geht eine Welt auf, weil man einfach bewusst hinschaut.»
Damit wäre die Sternblumenexkursion fast am Ende, wäre da nicht noch die wunderbare Stailetta alva umbellada – der Doldige Milchstern. Er wächst bis zu 30 Zentimeter hoch. Ganz aufrecht reckt er sich gen Himmel; dorthin, wo die anderen, die kosmischen Sterne leuchten. Ihnen wandern so manche Exemplare der alpinen Sternflora inzwischen entgegen. Weil ihr Lebensraum sich verändert. Sie, die ihren Standort eigentlich lieben, haben sich auf die Reise gemacht. Sie wandern nach oben, Jahr um Jahr, Höhenmeter um Höhenmeter. Eben gleichsam den kosmischen Sternen entgegen. Die Klimaerwärmung verschiebt die Vegetation auch in den Bergen. Manch Sterngewächs mag dabei auf der Strecke bleiben. Auch deshalb ist Kartierung wichtig: Schauen, bestimmen, beschreiben und aufmerksam machen. Es bleibt mithin genug zu tun für Constanze Conradin und ihre Kolleginnen.
Text: Imke Marggraf
Illustration: Studio Caminada AI
