Der Astrophysiker Thomas Zurbuchen im Gespräch

Thomas Zurbuchen ist in Heiligenschwendi im Kanton Bern geboren. Er ist Astrophysiker und war von 2016 bis 2022 Wissenschaftsdirektor der NASA. Im Sommer 2023 übernahm er als Professor für Weltraumwissenschaft und -technologie die Leitung von ETH Zürich Space. Thomas Zurbuchen ist regelmässig im Engadin, um Freunde zu besuchen oder auch zu arbeiten.


Was führt den ehemaligen NASA-Chef ins Engadin?

Ich komme immer wieder ins Engadin. Ich bin gerne hier, aber ich komme manchmal auch zum Arbeiten hierher. Ich liebe diese Region sehr und sie ist von Zürich schneller zu erreichen als das Berner Oberland.

Gleich zu Beginn die Frage: Welche Frage hat man Ihnen noch nie gestellt?

Da muss ich überlegen. Da gibt es sicher einige.

Dann erzählen Sie doch: Warum fasziniert uns Menschen der Blick in die Sterne so sehr?

Wir sehen Ordnung in einer Art und Weise, die sofort erkennbar ist. Die Sterne bewegen sich auf grossen Kreisen, einige Himmelskörper bewegen sich aber anders. Der Mond und die Sonne sind ein wichtiger Teil unserer Erfahrung des Himmels und die Sonne gibt uns Leben. Diese Ordnung der Natur direkt zu sehen, dieser Fluss der Zeit, ist sonst eher ungewohnt. Daher kommt auch unser Zeitverständnis von der Sonne. Viele Religionen haben mit diesen Himmelsköpern zu tun. Götter sind oft verbunden mit der Sonne, mit Planeten und Sternbildern. Auch das beeindruckt uns schon seit Langem.

Wie wichtig sind dunkle Orte wie das Engadin, um den Sternenhimmel zu sehen?

Orte wie das Engadin sind sehr inspirierend und bieten ein intensives Naturerlebnis. Ich bin in den Bergen aufgewachsen. Dort hatte ich immer das Gefühl, den Sternen näher zu sein. Man sieht fast täglich Sternschnuppen, aber auch von Menschen geschaffene Dinge wie Flugzeuge, Raumstationen oder Satelliten, und das mit blossem Auge, ganz ohne Feldstecher. Menschen in Städten sehen die Milchstrasse oft nie. Die Dunkelheit der Natur ist sehr wichtig.

Stichwort Lichtverschmutzung am Nachthimmel.

Zuerst müssen wir über das Licht auf der Erde sprechen. Wie gehen wir damit um? Man könnte beispielsweise Strassenbeleuchtungen viel besser steuern. Sie müssten nur leuchten, wenn jemand vorbeiläuft. Das Licht sollte sich nur dann einschalten, wenn es wirklich nötig ist. Das wäre problemlos möglich und ganz nebenbei würden wir auch Geld sparen. Die Nacht könnte dank Technologie wieder dunkler werden.

Und die Verschmutzung am Himmel?

Im Moment sind rund 10’000 Satelliten im Weltraum. Manchmal sehen wir einige mit blossem Auge. Sie sind etwa so gross wie ein Küchentisch und die ganz grossen wie ein Lastwagen. Man kann Satelliten aber so bauen, dass sie das Sonnenlicht weniger reflektieren. Starlink hat daran gearbeitet und massive Verbesserungen erzielt. Die schlechte Nachricht ist jedoch: Es wird in Zukunft definitiv mehr Satelliten geben. Wir steuern in den nächsten Jahren auf etwa 50’000 zu. Leider gibt es dafür kaum eine Regulierung, die international anerkannt ist.

Satellitentechnik wird auch im alpinen Raum eingesetzt. Können Sie dazu etwas sagen?

Zunächst müssen wir uns bewusst machen, dass wir auf einem Planeten leben, der sich verändert, und das beobachten wir bei Space. Es gibt Phänomene, die wir früher nicht kannten oder die uns überraschen. Im Jahr 2023 wurde das Wasser im Südpazifik plötzlich für fast zwei Jahre viel wärmer also früher. Wir haben die höchsten Ozeantemperaturen seit je gemessen und wissen bis heute nicht genau, warum. Das sind keine guten Nachrichten. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Erde verstehen. Die Weltraumtechnologie hilft uns dabei enorm.

Können Sie weitere Beispiele nennen?

Über Graubünden fliegen täglich Satelliten, die die Berge im Millimeterbereich vermessen und abbilden. Wir messen die Schneedecke, aber auch Bewegungen im Gelände. Wir können sogar erkennen, ob ein Baum gesund oder krank ist. Satelliten sind wichtige Werkzeuge, um Gefahren frühzeitig zu erkennen. Wenn an einem Steilhang Bäume absterben, steigt die Lawinengefahr deutlich. Wenn sich Berghänge oberhalb von Siedlungen bewegen, müssen wir handeln, wie etwa in Brienz oder Blatten.

Und Sie entscheiden dann, ob ein Dorf evakuiert wird oder nicht?

Nein, die Aufgabe der Forschung ist es nicht, solche Entscheidungen zu treffen. Unser Job ist es, Gemeinden, Behörden und Entscheidungsträgern diese Daten zur Verfügung zu stellen. Gerade in Bergregionen sind sie sehr wertvoll. Die Natur in den Bergen ist mächtiger als der Mensch. Wissenschaft steht im Dienst der Menschen und soll dazu beitragen, Leben zu schützen.

Astrologie und Horoskope – was halten Sie davon?

Früher waren Astrologie und Astronomie dasselbe. Menschen haben schon immer den Himmel beobachtet und sich gefragt, was die Muster bedeuten. Als die Astrologie entstand, stand die Erdachse anders als heute. Deshalb stimmen heute astrologische und astronomische Zeiträume nicht mehr überein. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es schwierig, heute eine Verbindung herzustellen. Ich persönlich brauche als Astrophysiker keine Astrologie. Aber es gibt Menschen und Religionen, die daraus Kraft schöpfen.

Haben Planeten und der Mond also keinen Einfluss auf den Menschen?

Doch, natürlich. Der Mond beeinflusst täglich die Gezeiten und auch die Landwirtschaft. Auch im Engadin gibt es Gezeiten – wie in Meeren. Der Erdboden hebt sich während des Tages um fast einen halben Meter an. Planeten wie Mars, Venus oder Jupiter haben durch ihre Gravitation ebenfalls einen Einfluss, allerdings einen sehr kleinen.

Um den Mond erleben wir derzeit einen regelrechten Hype. Ist das zu viel des Guten?

Ich finde, jeder Grund, in den Himmel zu schauen, ist ein guter. Ich möchte alle ermutigen, mit dem Feldstecher oder Teleskop die Planeten zu beobachten, etwa die Saturnringe oder die Jupitermonde. Besonders mit Kindern sollte man das tun. Unsere Geschichte steht dort oben in den Sternen – die Atome in unserem Körper sind in Sternen gewachsen, die vor Milliarden von Jahren explodiert sind. Es interessiert uns eben, ob und wie man solche Orte besuchen kann, und momentan liegen nur der Mond und vielleicht der Mars im Bereich des Möglichen.

Das Engadin steht für Natur und nachhaltigen Tourismus. Könnte die Region auch stärker ein Ort für Wissenschaft und Innovation sein?

In den USA wird etwa die Hälfte aller Firmen von Immigranten gegründet. In der Schweiz ist es ähnlich. Was passiert, wenn jemand aus einem Bergkanton in eine Stadt kommt? Auch das ist eine Art Migration. Menschen aus solchen Regionen bringen oft eine andere Perspektive mit, und das ist ein Vorteil.

Wie könnten Schulen in Südbünden das Thema Nachthimmel besser vermitteln?

Lehrpersonen sind schon heute Heldinnen und Helden im Leben junger Menschen. Das war bei mir nicht anders. Sie leisten enorm viel. Wichtig wäre, dass wir unsere Smartphones öfter beiseitelegen und uns bewusst Zeit für die Natur nehmen. Das unmittelbare Erleben draussen ist manchmal wichtiger als Technik und Theorie.

Was würden Sie einem Kind aus Südbünden raten, das bei der NASA arbeiten möchte?

Die Wege sind offen. Seit zwei Jahren gibt es an der ETH einen Studiengang im Bereich Space. In den letzten Monaten haben fünf Schweizer ihre Arbeit bei der NASA aufgenommen. Ich traf sie kürzlich, als sie auf dem Weg zur japanischen NASA waren (JAXA, Japan Aerospace Exploration Agency). Das Schweizer Ausbildungssystem ist eines der besten weltweit. Wer diesen Traum hat, hat gute Chancen.

Welche wissenschaftlichen Entwicklungen könnten unsere Zivilisation in den nächsten 50 Jahren am meisten destabilisieren?

Das ist ein langer Zeitraum. In den nächsten 20 bis 50 Jahren könnte es sein, dass wir Leben ausserhalb der Erde entdecken. Vielleicht mikrobielles Leben auf dem Mars oder auf dem Jupitermond Europa. Das hätte enorme Konsequenzen und würde unser Denken grundlegend verändern.

Macht Ihnen der Gedanke an ausserirdisches Leben Sorgen?

Mehr Sorgen macht mir momentan unser Umgang mit künstlicher Intelligenz. Es gibt unglaublich Positives dabei: Die riesigen Datenmengen aus der Satellitenforschung lassen sich nur mit KI bewältigen. Problematisch wird es, wenn KI über Leben und Tod entscheidet, etwa bei autonomen Waffensystemen. Da können Fehler passieren. In den Bereichen Genetik, Hirn- und Krebsforschung wird KI ebenfalls eingesetzt. Technologie hat immer zwei Seiten. Wir müssen auch den Missbrauch im Blick behalten.

Wenn ausserirdische Intelligenzen uns zuerst entdecken würden, welche menschliche Eigenschaft würden sie missverstehen?

Sie wären uns technologisch weit überlegen. Wir schaffen es ja bislang nicht einmal, Menschen auf den Mars zu bringen, dabei ist das sozusagen unser Nachbarhaus. Sie hätten vermutlich Probleme, die wir jetzt haben, längst gelöst.

Die da wären?

Zum Beispiel selbstdestruktives Verhalten. Die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage, des eigenen Planeten. Wir destabilisieren manchmal unsere eigene Umgebung. Das würde sie sehr überraschen. Ich muss aber auch sagen, dass ich nicht weiss, wie wahrscheinlich es ist, dass intelligente Wesen auf unseren Planten kommen. Im Gegensatz zu bakteriellem Leben.

Wenn Geld und Politik keine Rolle spielen würden, welcher Frage würden Sie nachgehen?

Die Suche nach Leben ist zentral. Mich würde aber auch interessieren, wie wir zum nächsten Stern reisen könnten, sozusagen ins nächste Dorf, um in diesem Bild zu bleiben.

In fast jeder Berichterstattung über Sie kann man lesen, dass Sie als Direktor der NASA für 8000 Arbeitsplätze und ein Budget von 7 Milliarden Dollar verantwortlich waren. Was macht das mit Ihnen?

Ich habe einfach meinen Job gemacht, wie auch ein Pilot, der ein tonnenschweres Flugzeug fliegt und für hunderte Menschenleben verantwortlich ist. Die Zahlen definieren mich nicht als Mensch. Sie zeigen nur die Grösse und Komplexität der Aufgabe. Das ist eine von vielen Aufgaben, die ich gemacht habe. Ich habe andere wichtige Dinge bei der NASA gelernt.

Das da wären?

Entscheidungen zu treffen, besonders dann, wenn das Risiko hoch ist.

Zum Beispiel?

Beim Juno-Projekt (Jupiter Polar Orbiter) musste ich entscheiden, ob wir einen Motor zünden, um 30 bis 40 Millionen Dollar für den amerikanischen Steuerzahler zu sparen. Eine falsche Entscheidung hätte grosse Konsequenzen gehabt. Wir hätten auch eine Milliarde verlieren können. Eine solche Entscheidung trifft besser jemand, der im Berner Oberland oder im Engadin aufgewachsen ist. Denn dort ist das viel Geld und man versteht das. Ich erinnere mich, wie ich am Abend zuvor joggen ging und hoffte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Und?

Zum Glück ging alles gut.

Was machen Sie heute an der ETH?

Mir ist wichtig, dass die Chancen, die ich hatte, auch anderen offenstehen. Wir haben den ersten Space-Studiengang der Schweiz aufgebaut, fördern Start-ups und arbeiten am Swiss GeoLab für Erdbeobachtung.

Zum Schluss: Wenn Sie dem Universum eine Frage stellen könnten, welche wäre das?

Ich möchte wirklich wissen, wie wir als Menschheit lange Zeit überleben. Ich möchte gern vom Universum ein Rezept, wie wir Krisen überstehen, die uns als Menschheit gefährden. Und wenn ich diese Antwort bekommen habe, ist die Frage: Wie kann ich diese an andere weitergeben? Und wenn ich noch eine zweite Frage stellen dürfte: Was war vor dem Universum? Was war vor der Zeit? Was war vor 13,8 Milliarden Jahren?

 
Text: Maya Höneisen 
Bild: NASA & Mayk Wendt

Dies ist nur eine von vielen spannenden Geschichten,
welche Sie im neuen Piz N°65 lesen können.

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